Presseberichte

Die Presse am 13.01.2018

Das Rundtanzen auf dem Eis, wie es (fast) nur in Wien praktiziert wird, könnte von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe ernannt werden. Ein Verein will wieder mehr Menschen zum Tanzen auf dem Eis bringen.

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Wien. Schuld ist ein Amerikaner. Sicher, der Walzer, die große Ballkultur, all das wurde in Wien etabliert. Aber dass man genauso wie in den warmen Ballsälen auch auf dem kühlen Eis zu Walzer- oder Polkaklängen tanzen kann, dass das Links-zwo-drei, Rechts-zwo-drei auf Schlittschuhen fast noch eleganter und schwungvoller wirkt als auf dem Tanzparkett, nun, darauf hat die Wiener erst ein Amerikaner bringen müssen.

Jackson Haines hieß jener amerikanische Balletttänzer, der den Wienern vor genau 150 Jahren, im Jänner 1868, vorführte, wie man auf dem Eis tanzen kann. Der Wiener Eislaufverein war gerade erst gegründet worden (1867 nämlich), da holte man Haines für einige Vorstellungen – einer wohnte auch Kaiser Franz Joseph I. bei – nach Wien. Haines übertrug das Walzertanzen, das gerade groß wurde, auf die Eisfläche. Die Leute waren entzückt, die Zeitungen auch. „Man kann die verschiedenen Tänze wie Polka, Walzer, Mazur ec. auf dem besten Parquetboden nicht zierlicher und graziöser tanzen, als Herr Haines auf dem Eise (...)“, schrieb die „Neue Freie Presse“ am 23. Jänner 1868.

Das Tanzen auf dem Eis war geboren – und nun, 150 Jahre später, könnte es von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe ernannt werden. Eingebracht hat die Bewerbung der Verein „Rundtanzen am Eis – Eistanzen am Wiener Eislauf-Verein“. (Mit dem Begriff „Rundtanzen“ ist explizit das Tanzen auf dem Eis als reines Freizeitvergnügen gemeint, anders als das „Eistanzen“, eine Wettbewerbssportart.) Der Unesco-Titel könnte dazu beitragen, wie Vereinsgründer Reinhard Lederer sagt, dem Rundtanzen mehr Bedeutung zu geben, es wieder bekannter zu machen und mehr Menschen dazu zu bringen, es auch zu probieren.

Denn die Hemmschwelle, mitzumachen, ist hoch: Wenn die Rundtänzer an den Wochenenden auf dem Wiener Eislaufverein (WEV) in in der Mitte des Eislaufplatzes tanzen, dann schauen viele Eisläufer gern zu. „In den ominösen Tanzkreis trauen sich aber viele nicht hinein, weil sie denken, dass sie nicht gut genug sind“, sagt Lederer. Dabei sei das spontane Mittanzen durchaus erwünscht. Sofern man das Rückwärtsfahren beherrscht, „lassen sich die ersten Tänze leicht erlernen. Man hat schnell Erfolgserlebnisse“. Für andere Tänze wie den Killian, bei dem eine Gruppe Eisläufer in einer Reihe tanzt, ist mehr Übung erforderlich. (Zweimal die Woche gibt es beim WEV auch Eistanzkurse.)

In den Stunden, in denen die Eistänzer da sind, spielt der WEV auch die passende Musik, der Pop weicht dann ein paar Stunden Walzer, Märschen, Polkas. Und wie im Ballsaal gilt auch beim Rundtanzen: Der Herr fordert die Dame auf, meistens tanzt man nur einen Tanz gemeinsam, ehe man den Partner wechselt. Ein fixer Tanzpartner ist also nicht erforderlich, man kann auch allein kommen.

In der Familie weitergegeben

Um bei der Unesco als immaterielles Kulturerbe in Frage zu kommen, muss es die Tradition mindestens über drei Generationen geben – was auch erklärt, wieso sehr bekannte Bräuche erst spät ausgezeichnet werden: Der Wiener Walzer etwa ist erst seit dem Vorjahr immaterielles Kulturgut.

Ein weiteres ist die mündliche Weitergabe des Brauchtums – auch das trifft beim Rundtanzen zu, ist es in Wien doch eine „Handvoll Familien, die die Tradition von Generation zu Generation weitergibt“. Auch Lederers Familie pflegt das Tanzen auf dem Eis bereits in der vierten Generation: Schon seine Großeltern tanzten im Eislaufverein, Lederers Eltern haben sich sogar beim Rundtanzen kennengelernt – und auch sein fünfzehnjähriger Sohn kommt regelmäßig zu den Tanznachmittagen, und ist damit deutlich jünger als die meisten Eistänzer. Rund 70 Mitglieder hat der Verein derzeit, die Zahl sei auch langsam am Wachsen, auch wenn das Rundtanzen schon populärere Zeiten erlebt hat: In den Anfangsjahren, als auch Bälle auf dem Eis in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung durchaus mit jenen in den Tanzsälen vergleichbar waren, war es enorm beliebt. Heute wird das Rundtanzen in Wien von vergleichsweise wenigen Menschen im WEV gepflegt, „sonst gibt es unseres Wissens nach nur in München eine ähnliche Tradition“.

Getanzt wird heute in Freizeitkleidung, zumindest meistens: Am Samstag allerdings warfen sich die Eistänzer in historische Kostüme, fand doch am Abend ein „Abendcorso“ mit Tanzmusik im Stil der Jahrhundertwende statt. Die Wiener sollen so die alte Tradition kennenlernen. Das Tragen historischer Kostüme ist ausdrücklich erwünscht. Und wer weiß, meint Lederer. Wenn der „Abendcorso“ gut ankommt, könnte es vielleicht künftig wieder öfter Bälle auf dem Eis geben. Noch so eine Wiener Tradition.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2018)


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